












(english version below)
“What if” … forever
In seiner achten Ausstellung bei SEXAUER mit dem Titel “What if” … forever zeigt Alexander Iskin neue Arbeiten, die während eines Aufenthalts in Mexiko entstanden sind. Wie immer verbindet Iskin verschiedene Welten miteinander. So arbeitete er einige Monate in Mexiko City, im Stadtteil Santa Maria la Ribera und in Mazunte, einem kleinen Küstenort am Pazifik. Neben seiner künstlerischen Arbeit war er dort als freiwilliger Helfer beim Schildkrötenzentrum Centro Mexicano de la Tortuga tätig. Er saß zwischen Meeresschildkröten beim Eierlegen, erlebte das Schlüpfen der Jungtiere und deren Wanderung zum Meer, beobachtete ihr Paarungsverhalten und begleitete eine Schildkröte beim Sterben. Aber Iskin wurde in Mexiko nicht zum Tiermaler. Vielmehr lässt er uns durch seine Bilder in die Tiefe eintauchen – des Meeres und des Unbewussten. Diesmal stehen aber weniger kollektive Mythen im Vordergrund wie in seiner letzten Ausstellung, sondern eher die individuelle Verbindung zur Natur und ein Tauchgang ins eigene Ich.
Einige Bilder hatte Iskin in Mexiko-Stadt noch vor seinem Aufenthalt in Mazunte begonnen, kleinere Formate dann in Mazunte selbst gemalt, und alle schließlich nach seiner Rückkehr in Mexiko-Stadt fertiggestellt. Ganz allein unter dem Vollmond erlebte Iskin an der Playa Escobilla die Ankunft tausender Schildkröten, die sogenannte Arribada. Meeresschildkröten paaren sich im Wasser. Nach der Befruchtung schwimmen die Weibchen zu tausenden an den Strand, an dem sie selbst zur Welt gekommen waren, um ihrerseits ihre Eier abzulegen.
Meeresschildkröten leben fast ausschließlich im Wasser. Bei ihrer ersten Massenankunft kommen die Weibchen nach Jahrzehnten in der Schwerelosigkeit des Wassers zum ersten Mal an Land. Wegen des fehlenden Auftriebs erhöht sich ihr Gewicht schlagartig um das Zehnfache. Unter äußerster Anstrengung kriechen sie an den Strand, suchen sich einen Nistplatz, graben ein Nest bis zu fünfzig Zentimeter tief und legen etwa hundert Eier. Danach schaufeln sie das Nest wieder zu und kehren zurück in den Ozean. Nach etwa fünfzig Tagen schlüpfen die Jungtiere gemeinsam aus den Eiern und dem Nest. An der Playa Escobilla schlüpfen in einer Nacht hunderttausende Schildkrötenbabys gleichzeitig und krabbeln zum Meer. Meist geschieht dies bei Neumond, im Schutz der Dunkelheit. Denn nur ein Teil erreicht das Meer, viele werden von Kormoranen, Fregattvögeln oder Krabben gefressen, bevor sie das Meer erreichen. Im Meer werden viele Babys von Thunfischen, Barrakudas, Quallen und Krebsen gefressen. Man schätzt, dass nur eines von tausend Babys ins geschlechtsreife Alter gelangt. Schildkrötenbabys leben gefährlich. Überleben sie, können sie so alt werden wie Menschen.
Der Strand wird während der Arribada und des Nacimiento (Schlüpfen der Jungtiere) vom Militär geschützt. Iskin konnte als Mitarbeiter des Schildkrötenzentrums die wachhabenden Soldaten überzeugen, ihm nachts Zugang zum Strand zu gewähren. So wurden Arribada und Nacimiento existentielle Erlebnisse. Iskin saß allein zwischen zehntausenden eierlegenden Schildkröten oder spazierte zwischen hunderttausenden Babys, die zum Pazifik krabbelten. Im Schildkrötenzentrum kümmerte er sich um einzelne Schildkröten. Für die Ausstellung ist all dies relevant: Denn Iskin ließ diese emotionalen Natureindrücke und Erlebnisse in seine Bilder fließen, um einen Raum für sich und für uns zu öffnen zwischen der Natur und uns selbst.
Früher befand sich auf dem Gelände des Schildkrötenzentrums ein Schlachthof für Meeresschildkröten. Bis Ende der 80er Jahre wurden dort jährlich zehntausende Schildkröten getötet, um ihr Fleisch, ihre Haut und ihre Eier zu verwerten. Die Tiere wurden erschossen, teils aber auch bei lebendigem Leib zerlegt. Erst 1990 verbot die mexikanische Regierung die Jagd. Auf dem Gelände des Schlachthofs wurde das Schildkröten-Zentrum gegründet, dessen Aufgabe die Aufzucht, Rehabilitation kranker und anschließende Auswilderung gesunder Tiere ist.
Meeresschildkröten gehören zu den am stärksten von menschlichen Einflüssen betroffenen Meerestieren – abgesehen von all jenen natürlich, die ohnehin noch gejagt oder gefangen werden. Über die Hälfte aller Schildkröten haben Plastik im Verdauungstrakt; fast alle tragen Mikroplastik in ihren Organen. Schweröl und Metalle lagern sich im Panzer und Gewebe ab. Millionen Tiere sterben jährlich in Fischernetzen. Küstenbebauung, Beleuchtung und der Tourismus führen zu einem Rückgang von Brutplätzen. Kollisionen mit Schiffen verletzen sie, der Schiffslärm stört ihr Navigationsverhalten. Dabei sind die Tiere das Ergebnis von über 120 Millionen Jahren Evolution, von unzähligen Generationen, die durch Meere und Zeiten getragen wurden. Eine Aneinanderkettung von Wirkungen und Zufällen, die uns unendlich erscheint. Das Schlüpfen der Jungtiere, ihre Wanderung zum Meer, das langsame Wachsen des Panzers, die endlosen Kreisläufe von Leben und Tod – What if … forever.
“What if” … forever
In his eighth exhibition at SEXAUER, entitled “What if” … forever, Alexander Iskin presents new works created during a stay in Mexico. As always, Iskin interweaves different worlds. He spent several months working in Mexico City, in the district of Santa María la Ribera, and in Mazunte, a small coastal town on the Pacific. Alongside his artistic practice, he volunteered at the turtle sanctuary Centro Mexicano de la Tortuga. He sat among sea turtles as they laid their eggs, witnessed the hatching of the young and their journey to the sea, observed their mating behaviour, and accompanied a turtle in its final moments. Yet Iskin did not become an animal painter in Mexico. Rather, through his paintings he invites us to plunge into the depths – of the sea and of the unconscious. This time, however, collective myths recede into the background, unlike in his previous exhibition; instead, the focus shifts towards an individual connection with nature and a descent into the self.
Iskin began some of the paintings in Mexico City before his stay in Mazunte, completed smaller formats in Mazunte itself, and finalised all of them after returning to Mexico City. Alone beneath the full moon, at Playa Escobilla, he experienced the arrival of thousands of turtles – the so-called Arribada. Sea turtles mate in the water. After fertilisation, the females return in their thousands to the beach on which they themselves were born in order to lay their eggs.
Sea turtles live almost exclusively in the water. During their first mass arrival, the females come ashore for the first time after decades in the near-weightlessness of the sea. Deprived of buoyancy, their body weight effectively increases tenfold. With extreme effort, they drag themselves up the beach, select a nesting site, dig a nest up to fifty centimetres deep, and lay around a hundred eggs. They then cover the nest and return to the ocean. After approximately fifty days, the hatchlings emerge collectively from the eggs and the sand. At Playa Escobilla, hundreds of thousands of baby turtles hatch simultaneously in a single night and scramble towards the sea. This usually occurs during the new moon, under the cover of darkness. Only a fraction reach the water; many are eaten by cormorants, frigatebirds or crabs before they arrive. In the sea, numerous hatchlings fall prey to tuna, barracudas, jellyfish and crustaceans. It is estimated that only one in a thousand survives to reproductive maturity. The lives of turtle hatchlings are perilous. If they survive, they can live as long as humans.
During the Arribada and the Nacimiento (the hatching of the young), the beach is protected by the military. As a member of staff at the turtle sanctuary, Iskin was able to persuade the soldiers on duty to grant him access to the beach at night. Thus the Arribada and the Nacimiento became existential experiences. He sat alone among tens of thousands of egg-laying turtles or walked among hundreds of thousands of hatchlings making their way to the Pacific. At the sanctuary he cared for individual turtles. All of this is pertinent to the exhibition: Iskin allowed these intense encounters with nature to flow into his paintings, opening a space – for himself and for us – between nature and the self.
Previously, the site of the turtle sanctuary had housed a slaughterhouse for sea turtles. Until the late 1980s, tens of thousands of turtles were killed there each year for their meat, skin and eggs. The animals were shot and, in some cases, butchered while still alive. Only in 1990 did the Mexican government ban turtle hunting. The turtle sanctuary was subsequently established on the grounds of the former slaughterhouse, with the mission of breeding, rehabilitating sick animals and releasing healthy turtles back into the wild.